Designerporträts

Kaldewei future award by Architektur & Wohnen MASCHENDRAHT- POESIE

Rick Tegelaar

Rick Tegelaar weiß nicht, was er machen soll. Das ist bei ihm ganz normal. Wenn der junge Holländer am Tisch in seinem Studio sitzt und ein neues Projekt beginnt, hat er meist überhaupt keine Vorstellung davon, was er als Nächstes entwerfen wird. Was er aber weiß, ist: womit er das tun wird. Sein Interesse gilt nämlich vor allem dem Material. Das ist seine Inspiration – und seine Herausforderung. Die Auswahlkriterien für den passenden Werkstoff sind ziemlich dezidiert: je billiger, desto besser. Am besten: fast wertlos.

Rick Tegelaar

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In diese Kategorie fällt zum Beispiel Kaninchendraht. Ein außerhalb der Welt von Züchtervereinen und vierbeinigen Langohren wenig beachtetes Metallgeflecht. Jedenfalls in der Designszene noch nicht sehr verbreitet. Bis vor Kurzem. Da hat also Rick Tegelaar in seinem 200-Quadratmeter-Studio im holländischen Arnheim gesessen und ein Stück besagten Drahts auf sich wirken lassen. So lange, bis sich ihm die wahre Schönheit des Geflechts enthüllte und er etwas Erhabenes vor seinem inneren Auge sah. Einen Kronleuchter.

Ganz so einfach ging es natürlich nicht. Um das Ganze in die gewünschte Form zu bringen, entwarf Tegelaar eigene Werkzeuge, die noch heute in der Werkstatt stehen. Es sind im weiteren Sinn Maschinen, mit denen er den Kaninchendraht über eine hölzerne Halbkugel presst und ihm so die gewünschte Gestalt gibt. Verschieden große, nach oben geöffnete Halbkugeln und abgerundete Zylinder aus dem Geflecht ergeben zusammen den Kronleuchter „Meshmatics Chandelier“. Während seiner Experimente lernte der Designer so einiges über das bisher missachtete Material. Zum Beispiel kam er zu der Erkenntnis, dass bei diesem Vorgang eine Spannung im Draht entsteht, die in der neuen Form erhalten bleibt und ihr Halt gibt. Das Geflecht bildet sozusagen von sich aus eine stabile Struktur.

Rick Tegelaar

Eigentlich ist in diesem Objekt und seiner Entstehung schon der ganze Rick Tegelaar enthalten. Bereits als Kind in Rotterdam und später in Amersfoort hat er mit Legosteinen kühne Konstruktionen erschaffen. „Später lungerte ich in der Garage rum, wo es reichlich Dinge gab, mit denen man was machen konnte“, erinnert sich der 32-Jährige. Machen ist bei ihm ein Hauptwort, etwas Substanzielles. „Aber nicht im Sinn von ,sich beschäftigen‘, sondern gleichbedeutend mit ,etwas Neues erschaffen‘.“ Sein Moped war da ein geeignetes Objekt. Kaum eine Farbe, die es nicht hatte, kaum ein Detail, das nicht geändert wurde. Vor allem das Detail Geschwindigkeit veränderte sich kontinuierlich.

Sein Talent will er naheliegenderweise im Ingenieurstudium anwenden. Aber nach einem Jahr merkt er: Das ist nichts für ihn. „Die haben immer nur einen Weg als richtig akzeptiert, dabei gibt es so viele.“ Rick versucht es mit Industrial Design in Utrecht – aber auch das erweist sich als zu konform für einen Freigeist wie ihn. Die Kunstschule in Arnhem lässt ihm seinen Forscherdrang. Und wie zum Dank dafür ist er in der beschaulichen Stadt nahe der deutschen Grenze geblieben. Obwohl sie nicht gerade bekannt ist als Hotspot der holländischen Designszene.

Rick Tegelaar

Aber hier gibt es gute Voraussetzungen. Am Rande des Ortes mit der berühmten im Zweiten Weltkrieg umkämpften Brücke liegt der „Industriepark Kleefse Waard“, eine Ansammlung von Fabrikgebäuden aus den 30ern, zwischenzeitlichen Erweiterungen und Neubauten. Sie beherbergen Produktionsfirmen, eine Außenstelle des TÜV Rheinland, eine Feuerwehr-Übungsfläche mit ausgebrannten Häusern und Autos. Und Studios für junge Designer. Seit 2011 arbeitet Rick Tegelaar als freischaffender Designer, zur Jahreswende 2014/2015 zieht er in den Industriepark. Bekommt einen Raum mit Platz für seine Werkstatt und ein abgetrenntes Büro. Nur das lässt sich im Winter richtig beheizen, weshalb es dann auch immer rammelvoll ist, obwohl Rick nur ein paar Praktikanten um sich schart.

Bei einem Tee erinnert er sich an seinen Durchbruch. „Es gab da eine kleine Manufaktur, die meine Prototypen für das Modell „Filigree“ herstellte. Auch diese Stehleuchte entstand sozusagen aus dem Nichts: Ein paar feste Drähte, in Rautenform gekreuzt, spannen eine transluzente Folie, die das Licht der dahinter befindlichen LED-Leuchte soft abtönt und eine angenehme Atmosphäre schafft.

Die Manufaktur arbeitete auch für Moooi, der Firma von Marcel Wanders und aktuell wohl wichtigster Hersteller jungen Avantgarde-Designs. Der Chef der Manufaktur stellte den Kontakt her. Verhandelt hat Rick mit dem damaligen Geschäftspartner von Wanders. Eine Kooperation wurde besiegelt – der Hauptgewinn für einen jungen Designer. Allerdings dauerte es noch einmal fast zweieinhalb Jahre, bis das Objekt das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Und umgekehrt: die Öffentlichkeit das Licht.

Die besondere Fähigkeit des Rick Tegelaar besteht in der Verschmelzung von scheinbar Unvereinbarem: von Ingenieurskunst und -denken mit eleganter Ästhetik, von experimentalem Produktdesign mit pragmatischem Verständnis für die Anforderungen von Interieurdesign. Den ästhetischen Wert industrieller Materialien entdecken, sinnfreier Kreativität ihren Raum geben und technisch-funktionale Prozesse entwickeln – es ist dieser spezielle Ansatz, aus denen sinnliche Objekte entstehen, mit einer Prise Poesie. Bisher entstehen meist Leuchten.

Rick Tegelaar

Aber es gibt auch einen überdimensionalen Ventilator in Tegelaars Portfolio. Der „Cam Fan“ besteht aus beweglichen Blättern an Nockenscheiben, die an einer rotierenden Welle befestigt sind und dank stetiger Drehbewegung Windhauch erzeugen. Der lang gestreckte Deckenventilator ist eher eine Installation, ein Ingenieurs-Kunstwerk. Technisch faszinierend, wirtschaftlich noch nicht so. Verkauft hat der Designer bisher einen. Break-even wäre ungefähr bei fünf.

Dass Rick Tegelaar kein One-Hit- Wonder ist, zeigt sich schnell: Sein erstes Produkt von einem etablierten Hersteller, besagte Stehleuchte „Filigree“ für Moooi, präsentiert er neben weiteren Entwürfen auf der Design-Messe in Dubai. Den Stand nebenan hat Marcel Wanders für sein Studio gemietet. Die zwei kommen ins Gespräch (bis dahin kannte Rick ja nur Wanders’ Partner persönlich), und der Designstar interessiert sich vehement für ein hängendes Objekt auf Ricks Stand, nicht ahnend, dass er sich gerade für verformten Kaninchendraht begeistert. Ein Jahr später präsentiert Moooi Ricks „Meshmatics Chandelier“ während der Mailänder Möbelmesse “Salone“. Die vorläufige Krönung seines Schaffens. Und auch ein kommerzieller Erfolg: „Er verkauft sich gut“, berichtet Rick zufrieden. Trotz eines stolzen Preises von 3000 Euro.

Neulich kam jemand von einer der Firmen, die auf dem „Industriepark Kleefse Ward“ ansässig sind, in den Studios der jungen Gestalter vorbei, um deren Kreativität auf das von ihnen produzierte Material zu lenken – ein Zweikomponentengarn namens „Colback“. Ricks Forscherdrang war sofort geweckt. Sind solche Anfragen doch exakt die Herausforderungen, die er sucht. „Wir machten unzählige Tests damit. Schließlich trennte ich den Mantel vom Kern und erhitzte beides.“ Der offene Mantel aus Polypropylen schmolz, der Kern aus Polyethylen hielt die Struktur. „Das Zeug lässt sich wunderbar für 3-D-Printing nutzen. Wir haben ein paar rosettenartige Gebilde erschaffen. Das Material auf einen höheren Level gehoben. Die Jungs vom Hersteller haben es darin gar nicht mehr erkannt.“ Genauso arbeitet er: „Sei du selbst. Tu, was du liebst. Sieh zu, dass du davon leben kannst.“ Letzteres kann er zum Glück schon. Zum Glück auch für seine Freundin Marloe, die ihm den administrativen Teil im Studio (den er nicht so liebt) weitgehend abnimmt. Selbst die Tochter ist damit gut versorgt, die ab August erst mal lautstark die Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird.

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