Pflanzenporträts

Die Jahrhundertblume Dahlie

Dahlie

Er wäre gern Künstler geworden. Wilhelm Ostwald ist Chemiker, er hat sogar den Nobelpreis erhalten. Doch seine größte Leidenschaft gilt gegen Ende seines Lebens der Farblehre und mit ihr verknüpft starkfarbigen Blumen wie Rittersporn, Astern – und Dahlien. Auf schmalen hohen Kartons praktiziert der alte Wissenschaftler, was er über Farben erforscht hat. Er skizziert den Dahlienstängel, die Blätter, trägt rosiges Rot für die kreisrunde Dahlienblüte auf und wählt zum Schluss den Hintergrund – das wichtigste Element gelungener Blumenmalerei. Helles Blau zum milden Rot: ein Kontrast, der Harmonie erzeugt, so muss es sein.

Anzeige

Farbe war der Trumpf des 19. Jahrhunderts. Noch nie gab es aus beiden Teilen Amerikas und Südafrika herbeigebracht so viele bunte Blumen. Und die bunteste von allen war die Dahlie. Erste einfache Exemplare hatte Alexander von Humboldt aus unterschiedlichen Regionen Mexikos 1804 nach Europa mitgebracht. Kreuzte man diese Urpflanzen, entstanden erste halb gefüllte Formen, dann ganz gefüllte Blüten, manche rund wie Bälle.

Angeheizt durch enthusiastische Gartenbaugesellschaften machten englische Gärtner anfangs die schnellsten züchterischen Fortschritte und damit die größten Geschäfte. Kaum zu glauben, wie viel Geld deutsche Gärtnereien in England für Dahlien ausgeben, ärgerte sich ein Zeitgenosse: „Die Tulpe ausgenommen, hat keine andere Blume den Reichtum so flüssig gemacht wie die Dahlie.“

Ein Lottogewinn stoppte die englische Vorherrschaft. Er fiel Christian Deegen, einem gelernten Posamentierer, in den Schoß. Von klein auf war Deegen in Dahlien vernarrt. Für sein Lottogeld erwarb er in Bad Köstritz bei Gera zwei Hektar Land, ein fürstliches Palais und gründete eine Gärtnerei. In nur zehn Jahren arbeitete er sich auf den neusten Stand der Züchtung vor, beschaffte dem Örtchen eine eigene Poststation, lieferte bis Moskau, zog andere Gärtner an, Gleiches zu tun, und beförderte Bad Köstritz zur Welthauptstadt der Dahlienkultur. Sorten hießen fortan ‘Englands Rival’, ‘Wacht am Rhein’ und ‘Deutscher Reichsgoldorden’.

Fünfzig Jahre lang – von 1820, als sich aus den einfachen Blüten die gefüllten Formen bildeten, bis 1870 – blieb das Dahlienideal die makellose Kugel. Sie wurden größer und größer – schließlich in der vollendetsten Form als Pompon zwergenklein. Es war ein Bad Köstritzer, Johann Sieckmann, der 1852 die Liliput-Dahlie als neuen Trumpf im Konkurrenzkampf herausbrachte. Sie ist nicht größer als ein Tischtennisball, aber noch geometrischer als die Balldahlie: ein Ideal aus satter kompakter Farbe.

Schritt für Schritt hatte die Dahlie alle anderen Modepflanzen ausgestochen, übertrumpfte Aurikel, Hyazinthe und schließlich die absolute Favoritin: Sogar „der Landmann räumt sein Nelkenbeet den Dahlien ein“, konstatierte der Gartenbücher schreibende Pfarrer Adolf Friedrich Magerstedt 1843.

Die bevorzugte Methode, um Blumensammlungen zu ordnen, die mitunter in die Hunderte gingen, waren Farbkontraste. „Nichts“, so philosophierte der einflussreiche Berliner Gartendirektor Gustav Meyer, „lässt uns so tiefe Blicke in das innere Wesen eines Dinges tun, als die Beleuchtung durch das Gegenteil.“ Aber welche Kontraste und in welcher Kombination? Was war harmonisch, was nicht, was nur der Zeit geschuldet, was universell? In den Gartenzeitschriften ereiferten sich die Kenner, forderten Hilfsmittel, um „die farbigen Wirkungen von neuen Anlagen auf das Genaueste vorauszuberechnen“. Man versuchte es wissenschaftlich, mit Messungen, chemisch, physikalisch. Wilhelm Ostwald, der Nobelpreisträger, war einer der großen Kontrahenten. Gärtnereien belegten mithilfe seiner Theorien die Blütenfarben ganzer Sortimente mit Kennnummern. Doch je spitzfindiger die Sache wurde, desto absurder wurde sie auch. Und während man über die „Physischen Zwänge der Farbästhetik“ zu frotzeln begann, etablierte sich abseits aller Theorie als neue Mode der von England kommende „wild garden“.

Schon lange ist die Pompondahlie kein Renner mehr. Die Miniatur wirkt zu fremd, zu abgezirkelt in unseren naturnahen Gärten. Abgesehen von Floristen, die Pompons lieben, auch weil sie nicht so schnell welk aussehen, will die Mode das Gegenteil: ungekünstelte Blüten, möglichst einfach, dafür gern – wieder wegen des Kontrasts – mit fast schwarzem Stängel und Laub. Oder als Rarität die Wildformen, mit denen alles anfing.

Promotion
Schlagworte
Pflanzen | Pflanzenporträts
Autor
Elke von Radziewsky