Parks & Gärten

Polnisches Gartenmärchen Hirschberger Tal

Hirschberger Tal

Am 30. Juni 1816 macht sich die siebzigjährige Izabela Czartoryska mit ihrem Graupapagei Bahia, dem Hündchen Szczur (Ratte) und einem kleinen Gefolge aus Koch, Kammerfrauen und Arzt aus dem Osten Polens auf den Weg ins Riesengebirge. Der Arzt hatte Bäder in den warmen Brunnen des Hirschberger Tals empfohlen. Die Natur dort ist berühmt. Idyllische Täler, Wälder, durchsetzt mit Wasserfällen, hoch aufragende Felswände und immer wieder verfallene Schlösser, mittelalterliche Ruinen. Wo vor Jahrhunderten Alchemisten und Erzsucher das Land durchforschten, reisen nun empfindsame Seelen. Schneekoppe, Kochel- und Zackenfall stehen auf den Ausflugslisten, genauso wie der Park von Stonsdorf und das ehrgeizige Berggut Buchwald, das sich der preußische Oberberghauptmann Graf von Reden anlegte. „Es scheint mir, als ob ich in einer idealen Welt lebte, ich würde mit Sicherheit ersticken, wenn ich es mir versagen würde, vor Ergriffenheit zu weinen“, notiert die Czartoryska in ihr Reisetagebuch.

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Die polnische Großfürstin passiert auf ihrer Reise vor exakt zweihundert Jahren immer wieder verwüstete Dörfer und fährt auf zerstörten Wegen – Spuren der vor kurzem bestandenen Befreiungskriege gegen Napoleon. Heute glänzt glatter Asphalt auf den Straßen. Und wie aus dem Ei gepellte Schlosshotels gibt es an jeder Ecke. Daneben spielen Kinder auf den Straßen, die kleinen Dorffriedhöfe sind bunt geschmückt und überall wieseln diese polnischen Mischlingshunde mit Ringelschwanz und spitzer Schnauze herum. Polen ist ein tapferes Land – und ein querköpfiges. Weshalb die heute wieder belebten schlesischen Regionen um Hirschberg lange für Krieg und Nachkriegszeit und fremden Glanz von einst zu büßen hatten. Abseits von Krakau und Warschau fristeten sie ein Aschenputteldasein, das Idyll zerfiel und wucherte zu, bis in den späten Achtzigerjahren schließlich das Gefühl wuchs: „Okay, das ist unser Land, machen wir etwas damit“.

Wer das Buchwald von früher sehen will, muss sich ein Puzzle zusammensetzen. Von dem in feinem Klassizismus erbauten Gutshof sind nur die Grundmauern und wenige Nebengebäude erhalten. Oben am Hang steht noch das alte weiße Belvedere, von dem aus die Czartoryska Gut, Schloss, Riesengebirge und Schneekoppe sah – von Säulen gerahmt wie ein Bild. Tafeln vernetzen die Aussichtspunkte, ziehen den Besucher auf die Spazierwege zu den Seen und der kleinen Abtei, oben an einem Wiesenkamm, immer noch wie zu Czartoryskas Zeiten „mit keinem Schmuck außer den Bäumen“.

Alle haben Buchwald geliebt und hätten es gern gehabt, der preußische König, seine Brüder, die hohen Minister. Es war das Herz des Hirschberger Tals. Schön und nützlich: Graf von Reden und seine Frau Fritze (Friederike) hatten es nach englischem Vorbild zur Ornamental Farm ausgebaut. Von hier aus steigen Friedrich Wilhelm III. und seine Louise zur Schneekoppe auf, 1603 Meter über dem Meeresspiegel, der höchste Berg in Preußen. Caspar David Friedrich malt das Gebirge, eingetaucht in ein morgendliches Nebelmeer, ein Kreuz auf der Spitze. Der König kauft das Sehnsuchtsbild und behält es stets in seiner Nähe.

Endlich, 1822, gelingt es dem ersten Hohenzollern-Prinzen, das alte Schloss Fischbach, nur eine halbe Stunde von Buchwald entfernt, an sich zu bringen.

Man baut es aus, gibt einen mittelalterlichen Turm dazu, dekoriert den Park mit Marmorbank, Skulptur, Tempel und mittelalterlichem Bogen. In Fischbach trifft sich der Hohenzollern-Clan, wo es für größere Gastlichkeiten einen „Zelt-Salon“ gibt. 1832 findet schließlich auch der König ein Schlösschen im nahen Erdmannsdorf, das er neo-gotisch modernisieren lässt.

Ein grandioser Turm, ein vorgelagerter turnhallengroßer Speisesaal – heute spielen Schüler der im Schloss installierten Schule hier Volleyball – gehören dazu. Ebenso, in wenigen Schritten erreichbar, ein Kirchlein für den frommen Monarchen, verziert mit einem spitzen Campanile. Die pittoreske Umgestaltung greift über den Park ins Land hinaus. Monarchen können nicht anders. Das ganze Tal soll Gartenreich sein. Die mittelalterliche Stabkirche Wang aus Norwegen, abgebaut und eingelagert, wird zum Kauf angeboten. Man wählt den Aufstieg zur Schneekoppe als neuen Standort. Und als Protestanten aus dem katholischen Zillertal vertrieben werden, baut man ihnen schön gelegene Schweizerhäuser ins Hügelland.

Während immer mehr hohe Beamte des preußischen Hofs Gut auf Gut erwerben und umbauen, kommt auch das Volk ins Hirschberger Tal. Eisenbahnverbindungen von Berlin aus machen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts das Reisen leichter. Man mietet sich ein, beim Bäcker, Fleischer oder Ortsgendarmen – so wie Theodor Fontane, der, wenn er als Berliner Theaterkritiker frei hat, ins geliebte Erdmannsdorf fährt: „Ein ganz unsagbarer Genuss. Ich schwelge in Langeweile. Zu dem Zweck bin ich ja hier, mich mal behaglich auszugähnen.“

Seltsam abgerückt, eine knappe Tagesreise von der Sommerfrische der Hohenzollern entfernt (heute gute drei Stunden), startet 1838 Marianne von Preußen, Prinzessin der Niederlande, ihren alle Maßstäbe sprengenden Märchenpalast. Sie hatte den jüngsten und fünften Sohn des Königs geheiratet. Über dreißig Jahre baut die Prinzessin an ihrer roten Backsteinresidenz, halb Schloss, halb Kastell, mit Türmen, die Schloten gleichen, von Zinnen bekrönt, mit Marmor und Glimmer an den Fassaden und einem marmornen Garten, der zu ihm hinauf- und von ihm wegführt. 27 Fontänen steigen aus kreisrunden Becken auf, die höchste misst 30 Meter. Eine Dampfmaschine im eigenen Haus, unterirdische Pumpen, monströse Rückhaltebecken speisen die Wasserkünste. Seit jeher sind sie die technischsten aller Gartenkünste – und ein besonderes Ehrgeizstück der Mitglieder des Hohenzollern-Clans, die in Potsdam um die höchsten Fontänen wetteifern. Drei Tonnen Gold für ihr Schloss ist der niederländischen Prinzessin zu guter Letzt die Herausforderung wert.

Zweimal brennen es die Russen nach dem Krieg nieder, die Menschen im Umkreis schleppen bis in die 80er-Jahre an Baumaterial weg, was sie nutzen können. Heute schmücken Blumen in bunten Keramikvasen frisch verputzte Räume. Eine von der Gemeinde gegründete Firma aus Arbeitslosen kümmert sich liebevoll um Park und Schloss, während Denkmalschützer mit EU-Mitteln den gigantischen Wiederaufbau betreiben.

Es sind die Frauen, von denen im schlesischen Gebirgsland die Gartenkunst angeführt wird. Zu ihnen gehört, zwei Generationen später, Daisy von Pless, die extravagante, für ihre sieben Meter lange Perlenkette berühmte, megareiche Engländerin und Herrin auf Schloss Fürstenstein. Schon immer war das ein Haltepunkt auf den Reisen zu den Kurbädern, um 1900 wird es dann eine der glänzendsten Adressen Europas – und ein über steilen Felsabgründen gelegenes Gartenwunderland.

Man hört von einem 200-köpfigen Heer an Gärtnern, von Tausenden herbeigeschaffter Rhododendren, gigantischen Terrassenanlagen über dem steinigen Felsen, liest von Schnitzeljagden, Golf- und Croquetspielen, Schlittenpartien bei Vollmond durchs Raureif bepelzte Land: „Jeder meiner fünf Araber zog einen Schlitten mit zwei Personen … wir hielten am Riesengrab und schauten auf das stille Schloss,“ erzählte Daisy von Pless. Viele ihrer Gäste kamen aus England, darunter Vita Sackville-West, die in der Folge Sissinghurst anlegen wird. Und Pietro Porcinai, der zu einem der größten Gartenarchitekten des 20. Jahrhunderts werden wird (A&W 1/14), verbringt hier sein erstes Gesellenjahr.

Später enteignen die Nazis das 500-Zimmer-Schloss. 130 Millionen Reichsmark werden für das „Projekt Riese“ veranschlagt. Während Tausende von Zwangsarbeitern oben die Terrassen zerstören, bohren sie unten ein Tunnelsystem in den Fels. Natürlich wird auch Fürstenstein, die „Perle Schlesiens“, heute akribisch in die Vergangenheit zurückrestauriert. Doch wer etwas von der unfassbaren Extravaganz aus Daisys Tagen spüren will, besucht das alte Palmenhaus, unten vor dem Schlossberg. Unbeeindruckt von aller Geschichte leben hier, ineinander verschlungen, hundertjährige Aloes und Agaven.

Allein gegen drei Hektar Brache, gärtnert in Kloster Grüssau, eine halbe Autostunde von Fürstenstein entfernt, die Benediktiner-Äbtissin Regina. Kirche und Kloster sind Wallfahrtsort mit leuchtend frisch hergerichteten Fassaden und avisiertes Weltkulturerbe. Hinter den Gebäuden umzingelt Wiese die Reste einer barocken Gartenanlage aus Zisterzienserzeiten. Mutter Oberin ackert, schafft Beete, pflanzt Rosen, setzt Porree, verliert gegen die sommerliche Dürre und aufschießendes Unkraut, macht weiter. Sie liebt die Gartenarbeit, „je schwerer, desto besser“. Um sie herum Pferd Lena, das freilaufend sein Gnadenbrot frisst, und der polnische Mischlingshund Manius, spitzohrig, kurzbeinig, mit einem Ringelschwanz.

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Schlagworte
Parks
Autor
Elke von Radziewsky