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Willkommen im Novembergarten Garten von Karl Foerster

Garten von Karl Foerster
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Zu den Meistern wandern, zu Kakteen-Haage nach Erfurt oder Franz Weinreich in Wolmirstedt (beide gibt es heute noch), das wünschte man sich in den frühen 50er-Jahren, wenn die Gärtnerlehrzeit überstanden war. Ich träumte von Karl Foersters Staudengärtnerei in Bornim bei Potsdam. Karl Foerster (1874 bis 1970) war nicht nur Deutschlands berühmtester Gärtner, seinen legendären Senkgarten hatte der Züchter von über hundert weißen und blauen Ritterspornsorten zum Treffpunkt für Künstler, Schriftsteller und Musiker gemacht. Neben Rittersporn gibt es fast ebenso viele Phloxe, seine zweite Lieblingsstaude, in Leuchtfarben und zartem Pastell, frühblühende, niedrige, regenfeste ‘Landhochzeit’ ‘Firmament’, ‘Sommerkleid’ und die nach seiner Frau benannte ‘Eva Foerster’, lachsrot mit weißer Blütenmitte. Auch neue Glockenblumen, Sonnenaugen und Sonnenbräute haben ihn zum Vater. Kataloge belegen, wie viele Sorten Karl Foerster geschaffen hat, Sorten, die dem Regen, der Sonne, bestimmten Schädlingen widerstehen. Über seine Pflanzen schrieb er in einer eigensinnigen Sprache, die uns noch heute berührt. Für all das ernannte ihn die Humboldt Universität Berlin zum Ehrendoktor.

1952 war sein „Neuer Glanz des Gartenjahres“ erschienen, das erste Buch, das wir uns selbst kauften. Wir trugen Holzschuhe, Fußlappen, wir karrten Kriegstrümmer, bevor wir Blumen pflanzten. Es war, als gewänne unser Beruf durch seine Gedanken an Würde. Die Pflanzen stellte er uns wie Gefährten vor. Den Rittersporn ‘Wassermann’ besuchte er einmal sowohl am Abend als auch in der Morgendämmerung und schrieb danach über die Magie des Lichts und die Wandlung der Farben: „Es ist, als ob man einem Mondsüchtigen begegnet, der nicht mehr weiß, welcher Macht er über Nacht ausgeliefert war.“ Seine Behauptung: „Ein Leben ohne Phlox ist ein Irrtum“, zitierten wir gern, kommentierten damit ironisch alle möglichen Patzer, die es zu bessern galt.

Garten von Karl Foerster

Als ich nach der Gärtnerlehre und einigen Jahren als Landschaftsgärtnerin zur Studentin in Potsdam geworden war, ging ich in den Ferien zum Geldverdienen nach Bornim, zu Foerster in die Stauden. Einmal hörte ich beim Ausputzen und Jäten Wilhelm Kempff im Haus spielen, der berühmte Pianist war Gast der Foersters. Manchmal half ich beim Jungpflanzenverkauf gleich nebenan, wo Liebhaber mit Körben und Katalogen zwischen den Stellagen suchten. Man kaufte von einer Sorte eine Pflanze, höchstens drei. Die Pflanze sollte im Garten Wurzeln schlagen, später einmal blühen, dann würde man die Staude teilen und umpflanzen.

Über fünfzig Jahre später pflanzte mich das Leben fest in einen Garten in Babelsberg, von dem es hieß, dass Karl Foerster bei der Gestaltung, vielleicht schon bei der Planung beratend mitgewirkt hatte. Eines Offenen-Garten-Tages stand Marianne Foerster, die Tochter, ebenfalls Gärtnerin, mit einem Pflanzenkorb zwischen meinen Azaleen. Seitdem war ich ein Gast in Bornim.

Wir tranken Tee, oder Wein? Ich war mit dem Auto gekommen, nachmittags, also Tee. Wir saßen im Wohnzimmer am Fenster mit Blick in den Garten, etwas von oben herab, wie man auf spielende Kinder schaut.

Dahlien, Sonnenhut, Herbstanemonen, Fächerahorn, Koniferen, violett, gelb, weiß, grün, tizianrot. So war das Bild. Genau so hatte es sich Karl Foerster vor hundert Jahren vorgestellt. Einen Garten, der so unmittelbar zum Haus gehört, dass man das Gefühl haben konnte, es halte ihn im Schoß.

Es war spät im Herbst. Der Frauenmantel schimmerte silbern, in den braunen Blütenständen lag Raureif. Zwischen Hagebutten blühten die nun wirklich allerletzten Rosen. Eingemummelte Besucher spazierten auf den Wegen, verschwanden hinter Taxus und hohen Stauden, die als Schutz und Schmuck uns und den Vögeln zur Freude über den Winter am Platze blieben.

Garten von Karl Foerster

Auf dem Teetisch lag das Buch „Der Garten meines Vaters Karl Foerster“ und vor dem Fenster das Denkmal, Karl Foersters Senkgarten, ein Kunstwerk, das sich ständig wandelte, schon während der 60 Jahre, die er hier wohnte. Später unter der Obhut der Tochter, heute unter dem Schirm der „Marianne Foerster Stiftung“, einer treuhänderischen Stiftung in der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.

Der junge Staudenzüchter, der seinen Betrieb von Berlin nach Bornim umsiedelte, hatte ihn als Terrain für Staudengesellschaften, für ausgesuchte Gehölze und ein Seerosenbecken eingerichtet. Neben dem Wohnhaus, das 1911 nach dem Vorbild von Hermann Muthesius gebaut worden war, hob er in östlicher Richtung eine 80 bis 160 Zentimeter tiefe Senke aus. 45 mal 25 Meter groß. Er nannte die Vertiefung im Gelände Senkgarten, Sunken Garden, wie in England. Inzwischen ist der Foerster-Senkgarten zum Pilgerziel geworden. Ein Pläsier zwischen Bauern- und Renaissancegarten. Besucher fotografieren, skizzieren. Man hört fremde Sprachen.

Die Senkgarten-Idee hat Schule gemacht. Sanfte Mulden, wenn möglich im Zentrum ein Teich, wenigstens ein Bassin oder vielleicht ein kleiner Brunnen. Wasser. Bewegte Stille. Niedrige Mauern, die Erde, Wärme und Feuchtigkeit halten. Wege, die gliedern und führen, steinerne Bänke zum Verweilen, die wie Kachelöfen die Sonne speichern.

Auf den Feldern, westlich hinter dem Haus, in den Gewächshäusern und auf streng etikettierten Beeten gediehen altbewährte und neue Staudensorten. Im Senkgarten konnte der Züchter die schönsten, manchmal heiklen Neuheiten in der Nähe beobachten: als ein Detail der Gartenarchitektur oder der Gartenmalerei oder eines Jahreszeitenfilms, in dem Regenwolken, Sonnenstrahlen, Schmetterlinge, Wühlmäuse, Wespen Akteure sind.

Garten von Karl Foerster

Für Karl Foerster gab es sieben Jahreszeiten. Er schob einen Vorfrühling ein, teilte den Sommer in Früh- und Hochsommer. Nach dem Herbst startete ab Allerseelen der Spätherbst, bevor der Winter im Advent Einzug hielt. Den Winter hat er verehrt, den November regelrecht gefeiert, weil da die Tage so wundersam sanft begannen und „die bisher dicht verhangene Landschaftsferne in alle Bilder der Nähe eintritt“.

So ist es.

Senkgarten und Haus bilden heute das Kernstück der als Denkmal geschützten Umgebung in der Bornimer Feldflur. Das ist die Landschaftsferne. Im Sommer finden im Wohngarten viel besuchte Lesungen und Konzerte statt. Als Spätkommerin saß ich einmal auf der Terrasse. Ein Platz, gut zum Weit-Sehen, drei Stunden „Landschaftsferne“. Abendnebel und rosa-violetter Sonnenuntergang. Und rechter Hand: „Nähe“. Ich hörte Stimmen, schöne Worte, ich habe sie vergessen. Aber ich spüre noch den Korbstuhl, die Hauswand, den Blick von oben in den Garten. Das Immergleiche trotz der Wandlungen. Unverkennbar das steingelbe Haus, die türkisfarbenen Fensterflügel, die Gartenpforte, der Weg zum Senkgarten. Freier Eintritt immer, bis zum Einbruch der Dunkelheit.

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Schlagworte
Garten
Autor
Helga Schütz
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