Kultbauten

Der Star ist das Dach Design Museum London

Design Museum London

Auch intimen Kennern Londons ist das etwas zurückgesetzte Gebäude am Südeingang des Holland Park im feinen Stadtteil Kensington kaum präsent. Das mag zum einen daran liegen, dass es bis vor zehn Jahren als Ausstellungshaus des „Commonwealth Institute“ genutzt wurde, das eine Art permanente Ländershow der Mitgliederstaaten zeigte. Schon zur Eröffnung 1962 war diese Präsentation ein wenig aus der Zeit gefallen, wurde von Schulklassen aber regelmäßig mehr oder weniger missmutig besucht.

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Zum anderen hat die Geringschätzung des Baus sicher mit der Flugunfähigkeit der London-Experten zu tun. Denn erst aus der Vogelperspektive entfaltet das Gebäude seine Attraktivität. In jeder Hinsicht Höhepunkt ist ohne Zweifel das Betondach, das die Architekten Robert Matthew Johnson-Marshall über die bläulichen Glasfronten gestülpt haben. (Auch die wurden übrigens sonst wenig beachtet, erst 30 Jahre später waren sie mit dem Parlamentsgebäude in Edingburgh wieder im Gespräch.) Aus Sicht der gefiederten Welt würde das Dach sicher zu den Top-Ten-Sights der britischen Metropole zählen. Würde, wäre, hätte – Menschen können es ohne Hilfsmittel nicht in seiner vollen Pracht bewundern. Welch eine Verschwendung!

Design Museum London

Seit zehn Jahren stand das Bauwerk ohnehin leer. Die Idee des Commonwealth verlor an Relevanz, die Menschen reisten längst selbst in die Länder und besuchten nicht mehr verstaubte Ausstellungen darüber. Das Gelände drum herum hat sich ein cleverer Investor gesichert. Es als Sahnestück zu bezeichnen käme einer unzulässigen Untertreibung gleich: Direkt an der High Street Kensington gelegen und doch im Holland Park. Viel mehr geht nicht.

Nun ist es aber in London so, dass jemand, der Luxus-Apartments bauen will, was im Holland Park ohne Zweifel geplant war, auch gleichzeitig halbwegs bezahlbaren Wohnraum schaffen muss. Das ist zwar in der britischen Hauptstadt ein relativer Begriff, aber auch relativ erschwingliche Wohnungen wären aus Investorsicht an dieser Stelle undenkbar. Man darf aber ersatzweise auch zum Kulturleben der Stadt beitragen und öffentlichen Raum fördern, also zum Beispiel restaurieren.

Ein glücklicher Umstand für alle Beteiligten – eine Triple-win-Situation: Das Design Museum, das in seinem ehemaligen Bananenschuppen südlich der Themse aus allen Nähten platzte, erahnte eine geeignete neue Spielstätte. Der Investor konnte mit großzügigem Kultur-Investment sicherstellen, dass er nebenan nur Apartments zu Höchstpreisen anzubieten hatte. Und die Besucher des Design Museums würden eben nicht mehr den beschwerlichen weiten Weg auf sich nehmen müssen, sondern zwischen Notting Hill, Hyde Park und Victoria & Albert Museum fußläufig vorbeischlendern können.

Auch Architekt John Pawson hat gewonnen. Nämlich die Ausschreibung zu diesem Projekt. Zuallererst aber ist das Gebäude selbst der Gewinner. Wenig überraschend stand das Dach im Fokus der Umbaumaßnahmen. Pawson entkernte das Haus komplett und entfernte alle Ebenen. Geblieben sind tatsächlich nur die Glasfronten und das Dach, das frei auf seinen Stützen steht. Das Ingenieurbüro Arup hatte sie während der Umbauphase mit Tauen zusammengezogen, weil sie sonst von den Spannungskräften nach außen gedrückt worden wären. Neun Meter ließ Pawson in die Tiefe buddeln, um im Untergeschoss ein Auditorium mit sieben Metern Gefälle unterzubringen.

Design Museum London

Vom zentralen Atrium ist das Dach heute nur in Teilen zu erkennen. Je höher man kommt, offenbart es sich mehr und mehr den Blicken. Hier, wie im gesamten übrigen Haus, hat Pawson gemacht, was er perfekt beherrscht: Mit wenigen Mitteln und Materialien eine gleichzeitig offenherzige und heimelige Atmosphäre zu schaffen. Mit puren Linien, heller dänischer Eiche als Verkleidung der Betonwände und indirektem Licht hinter Treppenläufen und Sitzbänken schafft er eine charmante Willkommenskultur. Das für ein Museum ungewöhnlich wohnliche Ambiente, das der Architekt der kühnen, aber auch sehr kühlen Konstruktion entgegensetzte, veranlasste den „Guardian“ zu dem Spott, es wäre besser gewesen, Rem Koolhaas, der die Apartmentgebäude drum herum konzipierte, hätte das Museum gestaltet. Und umgekehrt.

Die Meinung haben die Kollegen ziemlich exklusiv. Pawson hat hier ein elegantes neues Haus im Haus geschaffen, ohne mit dem alten zu konkurrieren. Im Gegenteil: Das Dach steht im Raum auf seinen Pylonen wie ein Designobjekt, ein Ausstellungsstück, eine mächtige Installation. Pawson wollte keinen Wettkampf mit diesem atemberaubenden Stück Architektur. Und falls doch, ist es ein gerechtes Unentschieden geworden.

Die breite Treppe im Atrium, die zum ersten Stockwerk führt, ist in der Mitte gepolstert – sie ist der erste Anlaufpunkt im Museum. Für den „well moment“, wie es die CoDirektorin Alice Black nennt, zum Durchschnaufen, Ankommen, Orientierung finden.

Für die weitere Orientierung hat sich das Museum die Unterstützung des Großmeisters der Wegweiser gesichert. Die Piktogramme sind die Original-Symbole von Otl Aicher, die er für die Olympischen Sommerspiele 1972 in München gestaltet hatte. So wurden überall im Museum schon mal wichtige Designklassiker untergebracht.

83 Millionen Pfund haben die umfangreichen Baumaßnahmen verschlungen. 48 davon hat das Design Museum dank Spenden seiner Förderer und erheblicher Beteiligung des Gründers Terence Conran selbst aufgebracht. Heute verfügt das Design Museum mit 10 000 Quadratmetern über die gut dreifache Fläche. Zwei Säle im Unter- und Erdgeschoss für Ausstellungen, die erste Etage für Workshops, Bibliothek und Büros, die oberste für die Präsentation der ständigen Sammlung.

Alice Black weist beim Rundgang durch die Ausstellung darauf hin, dass hier nicht britisches, sondern internationales Design gezeigt wird. Aber mit britischem Witz und Mut. Zum Beispiel unter dem Titel „Kill or heal“ Kombinationen wie die Maschinenpistole „AK 47“, die „Kalaschnikow“, neben der Beinschiene für Invalide von Charles und Ray Eames. An einer Wand sind die maßgeblichen mechanischen und elektronischen Erfindungen der vergangenen 100 Jahre zu sehen, wie Musikund Schreibgeräte, Telekommunikationsmittel, Zeitmesser, Computer, Tonträger, Kameras. Angeordnet sind sie nach Arten in ihren Entwicklungsstufen wie in der berühmten Evolutionslehre von Charles Darwin. Hier münden sie nicht im Homo sapiens, sondern in einer noch moderneren Kreatur, genauer: Kreation – dem Smartphone.

Im obersten Level lässt sich auch erstmals das imposante Dach in seiner vollen Pracht bewundern. Von hier vermittelt es erst recht eine verblüffende Leichtigkeit, als befände es sich im Schwebezustand. Zu verdanken ist dieser Eindruck der imposanten trägerfreien Spannweite. Und einem Kniff der Architekten: Zwei der vier massigen Betonpylonen, die für das Tragwerk zuständig sind, befinden sich außerhalb des Gebäudes, zwei drinnen. Von wo aus man es auch betrachtet, man kann höchstens zwei sehen. Es wirkt wie ein statischer Zaubertrick – als seien die Gravitationsgesetze hier ungültig.

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Schlagworte
Architektur | Kultbauten
Autor
Jan van Rossem