A&W-Architekt des Jahres

Gelebte Geschichte Tirpitz Museum

Tirpitz Museum

Bjarke Ingels revolutioniert die Welt der Architektur. Mit einem einfachen Prinzip: Sein Studio BIG, ein Akronym für Bjarke Ingels Group, entwirft Gebäude, die Spaß machen. Längst ist er hinausgezogen in die große Welt, als seine dänische Heimat zu klein geworden ist für seine großen Ideen. Und doch ist er ihr immer treu geblieben. Ende Juni steht der 42-jährige Architekt im Innenhof seines neuesten Werkes in Reih und Glied mit dem Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Varde, Ministern und Sponsoren in Erwartung des dänischen Kronprinzen Frederik.

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Der lässt es sich nicht nehmen, Ingels’ Neubau persönlich zu inspizieren und einzuweihen. Nicht nur, weil Bjarke Ingels längst ein Star ist in Dänemark. Wohl auch wegen der historischen Dimension des Projekts. Es handelt sich um ein unterirdisches Museum an und in dem ehemaligen deutschen Bunker „Tirpitz“, einer der nördlichsten Geschützanlagen des Atlantikwalls aus dem 2. Weltkrieg.

Der Bunker selbst war schon vorher ein Museum. Der leere Geschützraum wurde mit einer Glaskuppel überdacht, so sieht der Bunker wie der kleine dreckige Bruder des Reichstages aus. Dieser Gag stammt nicht vom Studio BIG und es ist auch nicht klar, ob es überhaupt einer sein soll.

Tirpitz Museum

Riesige Glasflächen lassen viel Licht in die großzügigen Ausstellungsräume, die wie die Dünenlandschaft auf- und absteigen.

Dabei wäre solch ein Späßchen nicht abwegig bei Bjarke Ingels. Im Gegenteil: Spaß, gute Laune, Entertainment sind Kernelemente seiner Entwürfe. Aber nicht im Sinne von Gag oder Kalauer: Ihm geht es um Mehrfachnutzen, um Flexibilität, um Kommunikationsmöglichkeiten und ja, auch um Überraschungen.

In kleinen Details zeigt sich dieses Konzept auch bei seinem Museum „Tirpitz“ in den Dünen bei Esbjerg. Bei einem zweiten Rundgang, jetzt ohne Prinz, lenkt er den Blick auf die frei schwebenden Betondecken. Sie kommen ohne eine einzige Säule aus. Bjarke grinst zufrieden: „Wir haben die Decken über das Raumende in den Dünensand verlängert und dort mit Gegengewichten verankert. Das reicht.“

Die Kunst liegt im Weglassen, im Nichttun, im Reduzieren. „Das Schwerste“, weiß der gut gelaunte Architekt, „ist das, was man nicht sieht.“ Aber dass bloß kein falscher Verdacht aufkommt: Das berühmte Credo „Less is more“ kommt Bjarke Ingels so nicht über die Lippen. Sein Motto lautet: „Yes is more“. Bjarke Ingels Idee von einer Avantgarde ist nicht, gegen etwas zu sein, sondern für etwas. Seine extrem optimistische Sicht auf die Welt will er mit jedem seiner Projekte beweisen.

Tirpitz Museum

„Wir haben mit Materialien gebaut, die schon vor Ort waren: Beton, Stahl, Sand.“ Bjarke Ingels

Das „Tirpitz“-Museum ist nicht sein bedeutendstes Bauwerk, aber es ist mit dem gleichen Enthusiasmus und der gleichen Liebe zum Detail geplant wie jedes andere des Studios. Es besteht aus vier identischen Räumen, die nicht mit Türen verbunden sind. Auch hier ist Weglassen Programm: Bjarke Ingels hat die Ecken geöffnet, indem er zwischen den aufeinandertreffenden Wänden in der unteren Hälfte einen übermannshohen Spalt offen lässt. Eine praktische und elegante Lösung. Voluminöse, zwölf Tonnen schwere schwarze Metallwände können die Räume trennen und verbinden. Aus akustischen Gründen wurden die Metallflächen hunderttausendfach ausgestanzt. Die Wände sind mehr als zehn Meter lang und frei schwebend an einem Punkt nach etwa einem Drittel am Boden fixiert. Damit sie sich per Hand manövrieren lassen können, muss das kürzere Stück als Gegengewicht dienen, um die Konstruktion in der Schwebe zu halten. Die Lösung: Es wurde gefüllt mit den Metallabfällen vom Ausstanzen. Wieder so eine Idee ganz nach dem Geschmack des Architekten: simpel und effizient.

Wie bei den Betondecken wird die Düne als integraler Bestandteil des Baus genutzt, der sich darunter eingräbt. Dass es trotzdem ein heller, freundlicher Ort ist, erreicht BIG durch einen einfachen Trick: „Wir haben vier Schnitte durch die Düne gezogen für die Verbindungsgänge. An der Kreuzung entsteht ein Innenhof wie bei einer heißen Kartoffel, die man zusammendrückt. So kommt Licht in den Untergrund.“

Ebenfalls unter die Erde geht Ingels derzeit mit einem nicht minder anspruchsvollen Projekt. Für die Schweizer Uhrenmarke Audemars Piguet plant er das Firmenmuseum, eine futuristische Betonspirale mit gewölbter Glasfassade, die sich 2018 aus dem Schweizer Jura erhebt. Für Ingels läuft es gut, jedenfalls besser als mit der Fertigstellung des Nazi-Bunkers. Dazu lächelt er nur, und erzählt einen Treppenwitz der Geschichte: „Das gewaltige Geschütz sollte von hier mit 800-Kilo-Bomben die Invasion der Alliierten abwehren. Liefertermin September 1945. Das nennt man wohl schlechtes Timing.“

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Schlagworte
Architektur | Architektur aktuell
Autor
Jan van Rossem