A&W-Architekt des Jahres

A&W-Mentorpreis 2017 Francesca Giacomelli - Mendinis Muse

Francesca Giacomelli
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Hinter der Eingangstür der Via Canova Nummer 35 am Rande des Parco Sempione passieren seltsame Dinge. Margharita, die Hausmanagerin, beäugt das Treiben des Fototeams mit einer Mischung aus Skepsis und Amüsement. Aber sie bleibt äußerlich ganz cool. Auch als Arbeiten der jungen Designerin, deren Werk hier inszeniert wird, über die marmorne Statue im Eingangsbereich gehängt werden, zuckt sie nicht einmal mit der Wimper.

Nur Francesca Giacomelli, die junge Designerin, ist sich nicht ganz sicher. „Das geht eigentlich nicht“, seufzt sie. „Meine Ketten über eine Statue von Antonio Canova zu hängen.“ Dem großen klassizistischen Bildhauer Italiens. Francesca Giacomelli hat selbst Kunst studiert an der Brera Accademia in Mailand. Und Respekt vor seinem Werk. Auch wenn es sich bei diesem Exemplar nur um eine Kopie handelt.

Die Ketten, von denen sie spricht, sind tatsächlich der größtvorstellbare Kontrast zu der klassizistischen Statue. In Form gebogene Kabelummantelungen, mal aus purem schwarzem Gummi, mal schwarz-weiß gestreift stoffumwickelt, schieben sich durch kupferne Rohre, biegen unvermittelt in metallenen T-Stücken ab und winden sich wie dünne Schlangen um Hals, Dekolleté und manche auch gleichzeitig um Arm und Schulter. Ob es Kunst ist, was sie macht? Oder Design? Ist es Schmuck? „Ich spreche lieber von tragbaren Skulpturen“, interpretiert sich Francesca Giacomelli selber.

Francesca Giacomelli ist nur schwer zu fassen. Manchmal scheint es, als verflüchtige sie sich. Im Gespräch. In der Wahrnehmung. Soll sie über ihre Arbeit reden, schwärmt sie von anderen. Versucht man, sie als Designerin zu verstehen, erzählt sie, wie gern sie schreibt. Will man eine Schublade aufziehen, öffnet sie drei andere.

Ketten von Francesca Giacomelli

Die Ketten von Francesca Giacomelli sind mal mit Seiden-, Bambus-, Hanf- und Leinengarnen umwickelt, mal bestehen sie aus puren Materialien wie Schlauch und Kupfer-T-Stück.

Überhaupt Schubladen: Wie furchtbar! Das gefällt der 38-Jährigen aus Bergamo überhaupt nicht. „Was spielt das für eine Rolle? Die Leute wollen einen immer einordnen, irgendwohin sortieren.“ Franscesca Giacomellis wasserblaue Augen blitzen auf, fast bekommt ihre Stimme eine leichte Schärfe vor Empörung. Eigentlich spricht sie gedämpft – aber viel.

Ihre Antworten auf simple Fragen muss man sich in etwa vorstellen wie ein junges Wildpferd, das übermütig umherhüpft, einen spontanen Galopp mal in diese, mal in jene Richtung unternimmt und immer auf dem Sprung ist, neue Wege zu erkunden. Jedenfalls sollte ihr Gesprächspartner, um im Bild zu bleiben, gewisse Fähigkeiten haben, sie von Zeit zu Zeit in ihrem Redeschwall einzufangen und auf die Ursprungsbahn zu lenken.

Wie sie denn auf die Idee gekommen sei, Schmuck aus Elementen zu entwerfen, die man im Baumarkt findet: Gummischläuche, Kabelummantelungen, Kupferrohrverbindungen. „Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Eltern waren Maler und Dekorateure. Sie haben mir beigebracht, auch und gerade die einfachen Dinge zu würdigen. Vor allem aber habe ich gelernt, ehrliche, pure Materialien zu schätzen.“ Kupfer und Gummi zum Beispiel.

Natürlich hat die junge Gestalterin diese Antwort nicht direkt auf die Frage gegeben, sondern neben allen möglichen anderen grundsätzlichen Überlegungen zu Themen, Gestaltung, Material, Simplizität und Komplexität, um in diesem Zuge auch gleich mal Menschen zu erwähnen, die ihr Leben bestimmen. Zum Beispiel ihren Vater, der ihr beigebracht hat, „mit den Händen zu denken“.

Zum Fototermin hat sie verschiedene Outfits mitgebracht, für sich selbst und für eine Freundin, die sich als Model zur Verfügung stellt. Kleider und Hüte sind selbst entworfen und geschneidert. Nur für den Privatgebrauch. Mit Mode möchte sie sich und ihre Arbeiten nicht in Verbindung gebracht wissen. „Die ist ja immer nach einem halben Jahr gestorben.“

Über ihre „tragbaren Skulpturen“ zu sprechen ist ihr fast ein bisschen peinlich, sie fürchtet, sich zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Wie gut, dass es so viele andere Sachen zu berichten gibt. Zum Beispiel, dass sie während ihres Kunststudiums einen Job gesucht hat und ihn bei einer Kunstkritikerin fand, der sie assistieren konnte. Deren Name war Lea Vergine, trefflicherweise die Gattin von Enzo Mari.

Enzo Mari ist in einer Person Designer, Künstler, Kritiker, Theoretiker, Lehrer, Vordenker – die Eminenz des italienischen Designs. Er wird bei ihren zahlreichen Hausbesuchen auf ihre tragbaren Skulpturen aufmerksam und kommt mit ihr ins Gespräch. Sie lässt sich von ihm 2005 engagieren für die Vorbereitungen einer großen Ausstellung in Turin – Francesca Giacomelli wird Co-Kuratorin. Sie baut Modelle, schreibt Texte für die Exponate. Arbeiten für Hände und Geist. So ähnlich wie ihr Vater das empfohlen hatte. Ihr eigenes Design rückt erst mal in den Hintergrund.

Ketten von Francesca Giacomelli

Wir wissen nicht, was die Statue davon hält, mit Ketten von Francesca Giacomelli behängt zu werden. Immerhin ist ihr das Lächeln geblieben.

Eines Tages besucht Alessandro Mendini den Kollegen Mari in dessen Studio und wieder werden die „tragbaren Skulpturen“ Gesprächsthema und Aufhänger für eine weitere Kooperation mit einem großen Namen. Mendini integriert sie in eine Ausstellung über Eigenproduktionen der neuen Designer-Generation. „Das erste Mal, dass meine Arbeiten in der Öffentlichkeit gezeigt wurden“, erinnert sich Francesca Giacomelli und ein bisschen klingt es, als sei ihr das noch nachträglich unheimlich.

So richtig sicher ist sich die zierliche Italienerin noch immer nicht, wo ihr Weg sie hinführen wird. Seit 2015 ist zwar das Studio Enzo Mari geschlossen, aber sie ist immer noch dort tätig. Als Archivarin. Und sie arbeitet an einem Konzept, das Studio in ein interaktives Museum zu verwandeln

Wenn ihr daneben noch Zeit bleibt, streift sie mal wieder im Baumarkt umher, um neue schöne Details für ihre tragbaren Skulpturen aufzuspüren.

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Schlagworte
A&W-Architekturpreis | Mentorpreis Architektur
Autor
Jan van Rossem
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